Spielen ohne Grenzen
Das Thema Inklusion beschäftigt mich persönlich schon seit vielen Jahren. Umso mehr freue ich mich darüber, dass Inklusion heute immer häufiger selbstverständlich mitgedacht wird – nicht als Zusatz, sondern als Haltung.
Genau diese Offenheit schätze ich auch an der Spielmobil-Szene, zu der ich seit vielen Jahren einen starken Bezug habe.
Beim Spielmobilkongress in Chemnitz lautete das Motto im letzten Jahr:
„Spielen ohne Grenzen.“
Artikel zum Nachlesen
Hier bin ich.
Warum Spiel Räume öffnet
Inklusion zeigt sich im Spiel oft früher als im Gespräch. Mobile Spielangebote schaffen Räume, in denen Unterschiedlichkeit selbstverständlich wird – manchmal leise, manchmal sehr bunt. Ein persönlicher Blick aus der Spielmobil-Praxis.
Eine Szene
Es regnet. Nicht stark, aber konstant. Auf dem Hof einer Unterkunft steht trotzdem ein Zelt. Darunter liegen Ballbanden-Elemente, Klebeband und Sprühdosen. Daneben, auf dem nassen Asphalt, spielen Kinder – manche mittendrin, manche am Rand, manche wechseln zwischen Zuschauen und Mitmachen.
Der Workshop findet in Zusammenarbeit mit Kein Abseits e.V. statt. Und obwohl das Wetter nach „absagen“ aussieht, passiert genau das Gegenteil: Es entsteht ein Raum, in dem jede*r einen Zugang findet.
Ein Mädchen sitzt im Rollstuhl. Sie kann nicht sprechen, ihr Körper ist von Spasmen geprägt.
Aber sie zeigt sehr klar, was sie will: mitmachen. Also kleben wir ihren Namen mit Tape auf ein Ballbandenbrett ab, führen gemeinsam die Sprühdose darüber – ein kurzer Moment, ein paar Sekunden Farbe.
Als wir später das Klebeband abziehen und ihr Name sichtbar wird, ist sie richtig stolz. Und ich merke wieder: Teilhabe beginnt manchmal nicht mit großen Erklärungen, sondern mit einer kleinen, gemeinsamen Handlung.
Teilhabe beginnt manchmal nicht mit großen Erklärungen, sondern mit einer kleinen gemeinsamen Handlung.
Warum Spielmobile Inklusion können
Solche Momente erlebe ich immer wieder dort, wo mobiles Spiel unterwegs ist. Spielmobile kommen zu den Kindern – auf Plätze, in Höfe, in Unterkünfte. Und oft entsteht schon durch diese Bewegung etwas Entscheidendes: Teilhabe beginnt nicht erst dann, wenn alle „bereit“ sind, sondern wenn ein Angebot da ist.
Bei meinen Workshops ist das immer wieder gut zu beobachten.
Es gibt kein festes Programm, das alle gleich erfüllen müssen. Stattdessen gibt es Material, einen Rahmen und Zeit.
Manche Kinder spielen sofort, andere tasten sich heran. Einige wollen rennen und spielen oder malen, andere lieber werfen oder erst einmal zuschauen.
Unterschiedliche Voraussetzungen sind nicht das Problem, sondern Teil der Situation. Im Spiel dürfen Kinder ihre eigene Rolle finden – und sie auch wieder verändern. Oft regelt die Gruppe mehr, als Erwachsene es könnten: leise, beiläufig, selbstverständlich.
Ein Spielfeld, viele Möglichkeiten
Die Ballbande ist nicht am Schreibtisch aus einer pädagogischen Theorie entstanden, sondern aus einer Spielidee: Fußballbillard.
Ein Spielfeld mit Banden, bunte Bälle, ein weißer Spielball – und die Frage, wie man mit dem Fuß „Billard“ spielen kann.
Am Anfang gab es dafür relativ klare Regeln.
Mit der Zeit hat sich das Spielfeld weiterentwickelt. Aus der großen Variante (6 × 3 Meter) wurde eine kleinere mobile Version (3 × 3 Meter).
Und mit diesem Format hat sich auch das Spiel geöffnet: Es braucht weniger Bälle, weniger Vorgaben – und plötzlich entstanden neben dem ursprünglichen Spielprinzip ganz neue Spielformen. Eins gegen eins, zwei gegen zwei, kurze Wechsel, neue Regeln aus dem Moment heraus.
Gerade Kinder erfinden dabei oft schneller, als Erwachsene erklären können.
Manchmal fragt man sich hinterher: „Was war das eigentlich für ein Spiel?“ – und merkt: Es ist gar nicht so wichtig.
Entscheidend ist, dass die Gruppe miteinander in Bewegung kommt.
Mein eigener Inklusionshintergrund
Inklusion ist für mich kein abstraktes Thema.
Mein Vater hatte einen Autounfall, als ich acht Jahre alt war, und war danach geistig und körperlich behindert. Ich bin mit dieser Situation aufgewachsen – und damit auch mit einem Familienalltag, in dem vieles anders war, als man es sich als Kind wünscht.
Was mich dabei bis heute begleitet: Man sieht mir diesen Hintergrund nicht an.
Ich bin gesund, handwerklich ausgebildet, habe Schauspiel studiert und entwickle Spielangebote.
Und trotzdem hat mich diese Erfahrung geprägt – nicht nur in dem, was schwierig war, sondern auch in dem, was ich daraus gelernt habe: genau hinzuschauen, Verantwortung zu übernehmen, Stimmungen wahrzunehmen.
Spielen war für mich immer auch ein Weg, mit dem Alltag umzugehen. Ein Raum, in dem wieder Luft entsteht.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum ich bis heute so stark ans Spielerische glaube – nicht als Ablenkung, sondern als Möglichkeit, Dinge zu verwandeln.
Auch heute, als Vater, merke ich oft: In brenzligen Momenten lassen sich Konflikte manchmal besser lösen, wenn ein bisschen Spiel und Leichtigkeit oben bleibt.
Ein Spielfeld ist nie nur ein Spielfeld. Es ist eine Einladung. Und manchmal auch ein kleiner Perspektivwechsel – von Problem zu Möglichkeit.
Inklusion als Einladung
Heute denke ich bei Inklusion weniger an große Konzepte, sondern an kleine, echte Situationen:
ein Blick, eine Geste, ein Platz im Spiel.
An Momente, in denen niemand „integriert“ werden muss, weil das Angebot von Anfang an offen ist.
Mobile Spielangebote können solche Räume schaffen – mitten im Alltag, mitten im Wetter, mitten im Durcheinander.
Vielleicht ist das ihre besondere Stärke: Sie kommen nicht mit einem Anspruch, sondern mit einer Einladung.
Manchmal reicht ein klarer Rahmen, ein Ball, ein bisschen Zeit. Und das Vertrauen, dass Spiel etwas kann, was wir mit Worten oft nicht hinbekommen.
Die Ballbande wird inzwischen an vielen Orten im Spielmobil-Kontext eingesetzt – als mobiles Spielfeld, Workshopformat und offener Begegnungsraum.
Mehr zur Ballbande im Spielmobil-Kontext